Archiv der Kategorie ‘Der Augenblick‘

 
 

Eine effiziente Geduld

“Wir sollten hier Geduld als eine weitere Dimension im Umgang mit der Zeit einführen, als ein Sowohl-als-auch zu oder zwischen Chronos und Kairos, Äon oder Epoché, ein Keines-von-alledem oder als ein Ganz-etwas-anderes. Geduld ist hier verstanden als Langmut, der Fähigkeit zu warten, zu beobachten und sich rückzuversichern, als eine Tugend und eine Fähigkeit, nicht als Trägheit oder gar als Laster. Geduld könnte man hier definieren als: Nütze Chronos, um Kairos immer wieder willkommen heißen zu können.”
Aus: Systemische Notizen, 2013, Iris Seidler

Zeiterfahrung Beschleunigung

Ein Resultat der stetig wachsenden Beschleunigung, die faktisch auch in modernen gesellschaftlichen Prozessen unaufhaltsam stattfindet, ist allerdings das Problem der Orientierung. Wie kann man sich z.B. orientieren, wenn alle „Haltegriffe“ ihre Funktion zu verlieren scheinen, wenn einem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Kann da noch der traditionelle Begriff der Vernunft ein sicherer Leitfaden für unsere Lebensführung sein, die sich auf über-empirische Prinzipien beruft?
In der Moderne entwickelt sich daher eine Philosophie für die nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Maßstab der Orientierung ist, die sich im Kontext ihres Denkens auf die Odyssee in die Zukunft begibt, die in einem bestimmten Sinne „heimatlos“ geworden ist. So schreibt etwa der Pragmatiker Herbert Mead: „Wir wissen, dass wir auf dem Weg sind, nicht jedoch, wohin wir gehen “.Was aber ist, wenn wir dabei nicht nur gehen, sondern nunmehr laufen und rasen? Wenn das Leben nur noch im Sauseschritt stattfimdet?

*denkstachel

Sprechgitter

Sprachgitter

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.

Paul Celan

Die heilsame Kraft des Philosophierens

Was ist das Wesentliche des Philosophierens?
“Wer jung ist”, schreibt Epikur, “soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern”. Wahrhaft zu philosophieren bedeutete das Führen eines offenen Gesprächs …
Die vielen Aspekte des philosophischen Tuns haben auch mit dem “kairos” zu tun. Ich kann die offenen Gespräche mit mir selber führen, im stillen Kämmerlein, – oder draußen am Marktplatz. Das da draußen ist mühsamer.
Deshalb dazu das Zen-Meister Beispiel:
Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich.” Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst du darüber hinaus, fragten sie erneut. Der Meister erwiderte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich …”. Wieder sagten seine Schüler: “Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: “Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”
Sicher wird es dem Zen-Meister selbst öfters so ergehen, wie er es von den Schülern sagt. Aber die meisterliche Idee ist es, ganz “im Augenblick” zu sein, damit sich die Tür zur Gegenwart auftun kann. Es soll diese Spannung zwischen Leben im Augenblick und Leben der täglichen Aufgaben durchdacht werden.

Augenblick, verweile – schöpferische Dauer

Deshalb wird dieser Dauer-Augenblick auch schöpferisch. Er bringt Neues und Unvorhersehbares hervor. Oft fällt es uns schwer, dies zu verstehen. Wenn mann vom Unbeweglichen ausgeht, kann man sich nichts anderes als eine Mischung aus im Voraus existierenden Elementen vorstellen. “Das musste so kommen”, rufen wir, während im Moment des Ereignisses alles Mögliche hätte eintreten können. Diese Neigung bewirkt “unseren Anspruch, bei jeder Gelegenheit die Zukunft zu antizipieren” (”Denken und schöpferisches Werden”) – die Manie, ausgehend von der Art, wie sich die Vergangenheit aktualisiert hat, vorherzusehen und zu planen. Wenn man aber den gegenwärtigen Augenblick genießt, heißt das, ihn nicht zu begrenzen, sondern sich für die Dauer zu öffnen, für ein Ereignis, das im eigentlichen Sinne neu ist.
Michel Eltchaninoff, in: Philosophie Magazin, 05/2016, S. 57

Wie in einem endlosen Augenblick

Sie leben beinahe Ihr ganzes Leben schon in einem Zettelgehäuse, [...], den Sie sich selbst gebaut und nur selten verlassen haben. War das Leben im Zettelgehäuse ein Versuch, das Leben anzuhalten wie in einem endlosen Augenblick?

Ein endloser Augenblick, das stimmt. Das ist die Beschreibung meines Lebens. Ein endloser Augenblick.

Friederike Mayröcker, in: Iris Radisch: Die letzten Dinge, S. 120

Die Macht des Moments

Dass wir im Zweifel oft wenig Zeit haben, das Für und Wider zu erwägen, sollte uns trotzdem nicht zögern lassen. Wir sind nämlich klüger, als wir glauben. Wie Sie ja bereits wissen, haben wir in unserem Unterbewusstsein  jede  Menge  Informationen  über  Menschen,  Situationen  und  Dinge  gespeichert,  die  wir  blitzschnell  abrufen  können.  Im positiven Fall spüren wir dann die innere Gewissheit: »Das ist jetzt gut für mich.«

Der Wissenschaftsjournalist Malcolm Gladwell beschreibt diesen  Vorgang  in  seinem  Bestseller: Blink!  Die  Macht  des  Moments: »Wenn wir eine spontane Entscheidung treffen oder eine Ahnung haben, dann geht unser Unbewusstes so vor: Es überblickt die Situation, in der wir uns befinden, sortiert alles Unwichtige aus und konzentriert sich  absolut  auf  das  Wesentliche.  Unser  Unbewusstes  schneidet  eine Situation in dünne Scheibchen, und darin hat es eine wahre Meisterschaft  entwickelt,  sodass  diese  Methode  oft  zu  besseren  Ergebnissen führt als langes Nachdenken und ausführliche Analysen.«

Der Intuition trauen!
Aus: Eva Wlodarek, Tango Vitale, S. 194 ff.

Ewigkeit nach R. Safranski

Zum Buch von Rüdiger Safranski
Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.
Michael Stallknecht (Süddeutsche Zeitung: 27. August 2015):

Zum Beispiel, wenn Safranski im letzten Kapitel vollkommen unsentimental und ohne Anflüge von Esoterik über ein Phänomen wie die Ewigkeit schreibt. Die, wie er erläutert, eigentlich gar keine Zeit ist, sondern gerade dann aufscheint, wenn wir die Zeit gar nicht mehr wahrnehmen. Wenn wir also nicht mehr in der Sorge leben, sondern ganz im Augenblick aufgehen. Dann sind wir der Zeit enthoben, scheint sie plötzlich stille zu stehen.