Jahresarchiv für 2012

 
 

Die Kairos-Maschine entdecken

Es ist für jemanden, der als Hauptthema Kairos hat, schön und lohnend, wenn zum Jahreswechsel eine renommierte Zeitschrift wie “Die Zeit” als Titelgeschichte eben diesen Kairos hat. (Kairos. Jetzt oder nie!   Die Zeit, Nr. 1, 2013)

Der Artikel beschreibt hauptsächlich die Erkenntnisse von Daniel Kahneman. Kahneman ist ein israelisch-amerikanischer Psychologe, der 2002 zusammen mit Vernon L. Smith den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Er befasste sich mit dem Verhalten von Menschen in Entscheidungssituationen.
Er zeigt uns eine
alternative Sichtweise in diesen Situationen. Demnach sind wir nicht streng rationale, sondern vielmehr  emotional und auch irrend Handelnde. Die komplexen Vorgänge in unserem Gehirn  werden in diesem Artikel als “Kairos-Maschine” bezeichnet.
Zum Artikel von Christoph Kucklick: Jetzt oder nie!

Reich an schönen Augenblicken

Mein Leben war und ist reich an schönen Augenblicken. Was der schönste Augenblick war, kann ich nicht sagen. Außerdem ginge es niemanden etwas an.

Robert Spaemann, in: Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen; Klett-Cotta, 2012

Was zählt …

Wenn ein Musiker sein Buch nennt: “Was zählt ist der Augenblick”, dann vermutet man Inhalte, die diese Augenblickserfahrung verdeutlichen. Es ist wiederum ein Beispiel, wie Künstler diesen Begriff lieben und ihn sich zu eigen machen. Hier ist dieser Musiker:  F. Bartolomey

Kleine Tricks

Ich kenne viele kleine Tricks unter Anführungszeichen, wie ich im Alltag zu mehr Achtsamkeit gelangen kann. Ein ganz einfacher ist zum Beispiel, bewusst einen Schritt langsamer zu gehen. Entschleunigen. Nicht automatisch von einer Sache zur nächsten eilen, von einem Ort an den anderen, sondern sich ein kurzes Innehalten erlauben. ”Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg”, so eine chinesische Weisheit. Präsenz zu üben, heißt, mir Zeit für mich zu nehmen – und sei es nur für drei tiefe Atemzüge. Bereits das bewusste langsame Aus- und Einatmen kann Wunder bewirken. Das Nervensystem beruhigt sich und damit auch der Geist, die Muskeln entspannen sich und die Stimmung hellt sich auf. Ich kann das noch verstärken, wenn ich mich daran erinnere: ich bin, ich lebe, ich habe einen Körper. Und wenn ich dafür auch noch danken kann, dann bin ich präsent, im Jetzt.
(Anita Natmeßnig Ö1, 3. Nov. 2012)

Ein hübsches Leben zimmern

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern,
Musst dich um’s Vergangne nicht bekümmern.
Das Wenigste muss dich verdrießen;
Musst stets die Gegenwart genießen,
Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.

Johann Wolfgang von Goethe

Ewig leben

Ausgehend von Wittgensteins Satz: “… dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt” (Tractatus logico-philosophicus, 6.4311), versucht Andreas Luckner (Uni Stuttgart) zu sagen, wie er den “Augenblick” versteht.

Was die … zitierten Philosophen mit dem Wort “Augenblick” bezeichnen, ist kein datierbarer Zeitpunkt; sie sagen also nicht: Jetzt im Moment oder irgendwann anders ist die Ewigkeit, aber zum Beispiel vorhin war sie noch nicht. Denn das wäre ein unsinniger Satz. Was aber wird dann mit “Augenblick” bezeichnet?

Es scheint doch so, dass mit diesem Edelwort die Vorstellung eines Moments in der Zeit verbunden ist, der sich gewisserma?en aus der Kette der Zeit mit ihrer Ordnung des “Früher” und “Später” losrei?t. Ein Moment, in dem “auf einmal” alles da ist, worum es jemandem in seinem jeweiligen Handeln und Denken ging – ein Moment des Sieges, ein Moment der Erkenntnis, ein Moment der Gewissheit im Glauben, ein Moment der Erlösung, ein Moment der Macht … “Augenblick” soll offenbar den Moment bezeichnen, in dem wir sozusagen im Nu aus der Zeit und ihrem Fortgang aussteigen, weil sich in ihm vollendet, was gewesen ist, und erfüllt, was … erwartet wurde. Ein Ereignis also, an dem es kein “nicht mehr” und kein “noch nicht” gibt, eine – so gesehen – absolute, aus dem Zeitzusammenhang herausgelöste Präsenz, eine Gegenwart, die alles “Vor” in sich versammelt und kein “Nach” mehr kennt und damit “ewig” ist.
Aus: der blaue reiter, Ausgabe 31

Gadamer: Der rechte Augenblick

Es gibt zwei CDs: Gespräche mit Hans-Georg Gadamer aus dem Jahre 1989. Auf der ersten erzählt er von seinen “philosophischen Lehrjahren” und seiner Zeit als Hochschullehrer bis zum Jahre 1968. Auf der zweiten CD widmet er sich dem Thema: Der rechte Augenblick. Nach zwei Weltkriegen beschäftigt er sich intensiv mit der menschlichen Urerfahrung von Zeit. Welche Möglichkeiten hat der Mensch, um den rechten Augenblick zu erkennen?  Zur Klärung dieser Frage geht Gadamer in die griechische Mythologie zurück: zu Kairos, dem Gott der günstigen Gelegenheiten. Die Gunst des Augenblicks zu erkennen und zu nutzen sieht Gadamer als zentrale Herausforderung unserer Zeit. Wer diese Fähigkeit besitzt, hat auch die nötige Urteilskraft, um die Gleichgewichtsstörungen der Welt zu erkennen – und sie wieder in die richtige Balance zu bringen. Insofern ist Kairos aktueller denn je.

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Ich gehöre dem Augenblick



(c) Irmengard Schöpf
Menschenbilder: ?1~298797