Jahresarchiv für 2013

 
 

Was Spinoza lehrte!

Goethe sagt, dass Spinoza ihn lehrte, seinen Geist vom Einfluss anderer zu befreien, seine eigenen Gefühle und seine eigenen Schlüsse zu finden und dann danach zu handeln. – Mit anderen Worten: Lass deine Liebe fließen und lass sie nicht von der Vorstellung der Liebe, die du vielleicht zurückbekommst, beeinflussen.

Aus: Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem, 2013, S. 63

Kairos – ein kritischer Moment

Kairos: Etymologische Wurzeln

Kerkhoff erläutert plausibel, dass das Wort “kairos” etymologisch der Sprache des Webens entstammt. Einigkeit herrscht darüber, dass “kairos” ursprünglich die dreieckige Öffnung meinte, die beim Weben entsteht, wenn die Kettfäden gehoben bzw. gesenkt werden, um den Schlussfaden oder Einschlag hindurchzulassen. Kerkhoff führt weiter aus, dass diese “dann zu der Vorstellung der entscheidenden, kurzen Öffnung in der Zeit geführt haben, von der her allein, als dem günstigsten Moment, das Ziel (einer Aktion) getroffen werden kann.”

Daniel Wulf: Kairos – ein kritischer Moment im Lehr-Lernprozess, 2009 (ISBN 9 978-3-640-48194-1)

Auf der Schwelle des Augenblicks

Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: Das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist.

Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen II, 1

Aufrecht gehen – aufrichtig sein

Kurt Bayertz hat mit seinem Buch vom ‘Aufrechten Gang‘ auf heitere Weise daran erinnert, dass das ‘aufrichtig Sein’ auch im frühen 21. Jahrhundert weiterhin keine Tatsache ist, sondern ein philosophisches Postulat, eine Kunst und eine schöpferische Aufgabe für alle Erdenbürger.  (Ursula Pia Jauch, Jurymitglied für den Tractatus 2013).
Siehe auch: philosophicum.com

Die Lebens-Klischees

Ich habe lange Zeit gedacht, die Menschen ließen sich von ihrem Willen leiten, von ihren Leidenschaften, Überzeugungen und Ideen, von etwas im eigenen Inneren. [Dann] kam ich mehr und mehr zu dem Schluss, dass nicht unsere Leidenschaften uns anspornen, sondern die Idiome der Leidenschaft, und dass es nicht der reine Wille ist, der uns zum Handeln treibt, sondern die Allgemeinplätze über den Willen. Erst wenn Erleben mit dem Klischee echten Erlebens übereinstimmt und wir uns in der Geborgenheit der Sprache einnisten können, entsteht so etwas wie ein Gefühl von Wahrhaftigkeit, die Vorstellung, richtig zu liegen, tatsächlich zu existieren, wirklich zu sein.

Connie Palmen: Die Gesetze, S. 114

Man kann nichts dagegen machen

Menschen wissen um sich selbst und den Tod, und es ist nicht so einfach, mit dieser Idee gut zu leben.
Genau wie die Familie ist der Tod Schicksal.
Man kann nichts dagegen machen.
Beide sind unausweichlich. Sie sind Voraussetzungen für das Leben. Bei jeder Geburt wird auch ein Tod vergeben.

Die Familie, der Körper, der Tod und das Schicksal gehören zusammen, und ihr Spiegelbild bilden die Freundschaft, der Geist, das Leben und die freie Wahl. Sie scheinen sich gegenseitig auszuschlie?en, aber um begreifen zu können, was ich begreifen will, müssen sie zusammengebracht werden …

Connie Palmen, Die Freundschaft, S. 332

Wir Ruhelosen

Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.
(Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)

Dem Kairos auf der Spur

In der Ausgabe Nr. 1 – 2013 erschien in “Die Zeit” der Artikel “Jetzt oder nie!” zur Thematik “Der magische Moment – Kairos”.