Jahresarchiv für 2015

 
 

Wie in einem endlosen Augenblick

Sie leben beinahe Ihr ganzes Leben schon in einem Zettelgehäuse, [...], den Sie sich selbst gebaut und nur selten verlassen haben. War das Leben im Zettelgehäuse ein Versuch, das Leben anzuhalten wie in einem endlosen Augenblick?

Ein endloser Augenblick, das stimmt. Das ist die Beschreibung meines Lebens. Ein endloser Augenblick.

Friederike Mayröcker, in: Iris Radisch: Die letzten Dinge, S. 120

Was es heißt, ein Mensch zu sein

Das Leben besteht zum größten Teil aus Zufällen. Wenn wir ihnen begegnen, ist unsere Fähigkeit gefragt, in der entstandenen Situation bewusste Entscheidungen zu treffen.
[...] Die Möglichkeit, sich entscheiden zu können, was man aus seinem Leben machen will, ist ein großes Privileg. Für die allermeisten Menschen auf der Erde geht es nur darum zu überleben, und das auf einem dramatisch niedrigen Niveau.

Henning Mankell, Treibsand, S. 130

Die Macht des Moments

Dass wir im Zweifel oft wenig Zeit haben, das Für und Wider zu erwägen, sollte uns trotzdem nicht zögern lassen. Wir sind nämlich klüger, als wir glauben. Wie Sie ja bereits wissen, haben wir in unserem Unterbewusstsein  jede  Menge  Informationen  über  Menschen,  Situationen  und  Dinge  gespeichert,  die  wir  blitzschnell  abrufen  können.  Im positiven Fall spüren wir dann die innere Gewissheit: »Das ist jetzt gut für mich.«

Der Wissenschaftsjournalist Malcolm Gladwell beschreibt diesen  Vorgang  in  seinem  Bestseller: Blink!  Die  Macht  des  Moments: »Wenn wir eine spontane Entscheidung treffen oder eine Ahnung haben, dann geht unser Unbewusstes so vor: Es überblickt die Situation, in der wir uns befinden, sortiert alles Unwichtige aus und konzentriert sich  absolut  auf  das  Wesentliche.  Unser  Unbewusstes  schneidet  eine Situation in dünne Scheibchen, und darin hat es eine wahre Meisterschaft  entwickelt,  sodass  diese  Methode  oft  zu  besseren  Ergebnissen führt als langes Nachdenken und ausführliche Analysen.«

Der Intuition trauen!
Aus: Eva Wlodarek, Tango Vitale, S. 194 ff.

Ewigkeit nach R. Safranski

Zum Buch von Rüdiger Safranski
Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.
Michael Stallknecht (Süddeutsche Zeitung: 27. August 2015):

Zum Beispiel, wenn Safranski im letzten Kapitel vollkommen unsentimental und ohne Anflüge von Esoterik über ein Phänomen wie die Ewigkeit schreibt. Die, wie er erläutert, eigentlich gar keine Zeit ist, sondern gerade dann aufscheint, wenn wir die Zeit gar nicht mehr wahrnehmen. Wenn wir also nicht mehr in der Sorge leben, sondern ganz im Augenblick aufgehen. Dann sind wir der Zeit enthoben, scheint sie plötzlich stille zu stehen.

Die Vernunft ist ja eine Krankheit

Das Spielerische gehört sicher zum Anthropologischen. Die Besessenheit auf die Vernunft ist ja eine Krankheit, auch eine der Philosophen. Die Vernunft ist nicht zuletzt deswegen ein so gro?es Thema, weil sie fehlt. Das zeigt die Weltgeschichte gerade jetzt: Da gewinnt man nicht den Eindruck, dass vieles so läuft, wie es uns die Vernunft, nach der wir seit 2000 Jahren suchen, erzählen würde. Im Grunde kommt alles, was wir tun, aus einer tiefen, relativ experimentellen Seinslage. Versuch und Spiel sind eigentlich der Normalfall des Menschen.

Ursula Pia Jauch, Philosophin (im “Der Standard” vom 24. Oktober 2015)

Veränderungen des Lebens

My life will have been a succession of lives, as if I have had several lives, a multiplicity of stories and roles. I have not ceased to have changes of life.

Bernard Stiegler

Die günstige Zeit

Kairos bezeichnet im Griechischen den günstigen Zeitpunkt oder kritischen Augenblick. Für Aristoteles, dem *Kairos* das Gute in der Kategorie der Zeit bedeutet, ist er die Gelegenheit zur Entscheidung, zur Rede, zur Frage und zur Erneuerung der Aufmerksamkeit.

Kann unsere Zeit der Überflutung mit trivialen Informationen, einer rein ökonomisch bewegten Globalisierung, in der klassische Kulturen und Werte zu versinken drohen, eine günstige Zeit für das Produzieren anspruchsvoller Bücher sein?

Feststellung und die Frage auf kairos.lu

Die Philosophie – der Weg

Die Gegenwart ist der einzige Schauplatz des Handelns, der einzige Schauplatz des Denkens, sogar der einzige Schauplatz der Erinnerung und der Erwartung. In der Gegenwart leben? Das hei?t einfach in der Wahrheit leben. Die Ewigkeit ist jetzt.
(Aus: Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg. André Comte-Sponville)