Keinen Augenblick verstreichen lassen

Das idealistische Vorhaben, sich «die ganze Zeit» zu eigen zu machen und keinen Augenblick ungenutzt verstreichen zu lassen, relativiert Seneca aber sofort wieder – er selbst sei im Umgang mit der Zeit nicht perfekt. Seneca möchte nicht anklagen, sondern aufmerksam machen, dass es sich selbst dann noch lohne, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen, wenn nicht mehr viel am Boden des Fasses übrig sei. (Vgl. EM, 6) Je früher, desto besser. Das wird bei der Lektüre offensichtlich. Aber auch wenn einem nicht mehr viel Zeit bleibt – und man weiss ja schliesslich nie wirklich, wie viel einem wirklich noch bleibt – ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um damit zu beginnen.

Aus: Denkbrocken:  Zeit besitzen oder verlieren

Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ — „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka (Aus dem Nachlass). Todestag 3. Juni 1924

es zirpt und raschelt

es plätschert es zirpt es raschelt es knirscht

es lauscht es weht es wispert es verstummt
es trippelt es kichert es flüstert es huscht
es wundert es lockt es zögert es ruft
es verwirrt es erfreut es irrt es friert
es zittert es kitzelt es reizt es berührt
es seufzt es lässt es täuscht es küsst
es genießt es verführt es wird belauscht
es lacht es wird überrascht es entwischt
es flüchtet es fröstelt es wird gesucht
es wartet es ermüdet es zweifelt es knackt
es rieselt es denkt es entdeckt es verwechselt
es schaudert es rauscht es hört auf Zehenspitzen
es geht es weiter es schweigt es lässt nach
es verlässt es zwitschert es dämmert

Sandro Huber in: manuskripte 241/2023

Verluste

Verluste der ukrainischen Streitkräfte

Die Verlustzahlen unserer Armee werden geheim gehalten
Bis zum Ende des Krieges wird es keine Zahlen geben.

Es wird jener Nachbar sein,
dessen merkwürdige Frau rote Blumen setzte
Der Freund, der ohne Vorwarnung ging
Der Unidozent, den wir alle so gern hatten
Das junge Mädchen, das alle nur nervte
Der Künstler, den alle mochten
und der jenes Mädchen scheinbar verehrte.

Im Namen der Staatssicherheit
schwöre ich, dass ich die Gefallenen nicht zählen werde
Ich werde sie bis ich nicht mehr kann zählen
und bis zum Ende des Krieges

In Wahrheit zählte ich zuerst, verzählte mich aber.

Wiktorija Amelina

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen -
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

(Joseph von Eichendorff)

Der Krieg

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Ingeborg Bachmann, 1952

Es herrscht immer noch Krieg … – Zum Nachdenken an den Bachmann-Preis 2023

Sei ohne Sorge

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

1956
aus: Ingeborg Bachmann: Werke Bd. 1, hrsg. von Christine Koschel u.a., PiperVerlag, München 1978

Eine Aufgabe

Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigte, äussere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, – als: das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.

Viktor Frankl