Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(Paul Celan)

Bachmann an Celan: Dieses Gedicht sei sein schönstes, „die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist“.

Es gibt Zeiten der Zeit

Es gibt mehr als eine Zeit. Es gibt Zeiten der Zeit. Es gibt eine physikalische messbare Zeit und eine subjektive Zeit. Im Rahmen dieser subjektiven Zeit gibt es eine gelebte, erlebte und erzählte Zeit.

Gelebte Zeit meint: Wir sind auf einer grundlegenden biologischen Ebene ein einen Bogen der Zeit eingefügt: Unser Leben verwirklicht sich in Vorgängen der Entwicklung und des Alterns, im Werden und Vergehen. Unsere Biologie bzw. Physiologie ist durch zeitliche Rhythmen bestimmt. [...] Die Periodenlängen dieser Rhythmen reichen von Millisekunden bis zu Jahren. Diese Rhythmen regulieren unsere Zellteilungen, unsere Atmung, unseren Herzschlag, unser Schlafen und Wachen, …
Erlebte Zeit meint: Unsere erlebte Zeit verläuft nicht in gleichmäßigen getaktetem Vorwärtsschreiten. Im Erleben dehnt und verlangsamt sich Zeit oder stürmt vorwärts. Erlebte Zeit vermag – im Guten wie im Schlechten – stillzustehen: in der Konfrontation mit einem traumatischen Ereignis, in der wir gleichsam einfrieren oder versteinern, aber auch in jenen glücklichen Momenten, in denen wir ewig verweilen möchten.
Erzählte Zeit meint: Sie verwirklicht sich als relativ willkürliche, individuelle wie soziale Verknüpfung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Erzählte Zeit bindet Ereignisse in eine Reihenfolge, in Ursache und Wirkung, in einen Sinnbogen.

K. P. Grossmann, Systemische Notizen, 2013

Das Argument von Epiktet

Eines der entscheidenden Argumente von Epiktet lautet, dass die Menschen einen sonderbaren Hang haben, sich genau über Dinge Sorgen zu machen, die sie nicht kontrollieren können, und ihre Energie ausgerechnet darauf zu verschwenden. Stattdessen sollten wir, so der Stoiker, besonders auf jene Parameter in unserer Lebensplanung achten, die wir zu kontrollieren und zu beeinflussen vermögen.

Massimo Pigliucci: Wie Weisheit der Stoiker, Piper

Ich trinke meine Augenblicke

Ich weiß nur

Du fragst mich
was ich will
Ich weiß es nicht

Ich weiß nur
dass ich träume
dass der Traum mich lebt
und ich in seiner
Wolke schwebe

Ich weiß nur dass ich
Menschen liebe
Berge Gärten das Meer
weiß nur daß viele Tote
in mir wohnen

Ich trinke meine
Augenblicke
weiß nur
es ist das Zeitspiel
Aufundab

Rose Ausländer

Die Suche nach den Leerstellen der Kunst

Kairos ist der griechische Gott für den richtigen Moment einer Entscheidung. Die europäische Kunstgeschichte besteht aus unzähligen Entscheidungen, die zusammen bestimmen, welche Kunstwerke wir sehen – und welche nicht. Die Ausstellung „KAIROS. Der richtige Moment“ wirft einen Blick auf das Ungesehene in der Kunst, vergessene Werke und solche, die nie entstanden sind. Dazu vereint die Ausstellung Arbeiten des italienischen Fotografen Mauro Fiorese und des deutschen Malers Wolfgang Beltracchi.
Mauro Fiorese besuchte für seine Serie „Treasure Rooms“ die Depots bedeutender europäischer Museen. Die dort verborgenen Schätze nehmen keinen exponierten Platz in der Kunstgeschichte ein. Ihr Moment, um gezeigt, besprochen und verehrt zu werden, scheint verstrichen. In Fioreses Fotografien kehren sie nun in die Ausstellung zurück. – Für „KAIROS. Der richtige Moment“ malte Wolfgang Beltracchi bedeutende historische Ereignisse, die uns aus heutiger Sicht in der Kunstgeschichte fehlen. Ihr Moment, um von einem großen Maler der vergangenen 2.000 Jahre festgehalten zu werden, ist verstrichen. In Beltracchis Gemälden sind diese Motive nun in den Handschriften der Meister ihrer Zeit entstanden.
Kunstforum Wien | kairos-exhibition.art

Traktat über das Menschsein

… dass unser Dasein von Gefühlen bestimmt wird, ist nichts Neues. Aber dass Lebensgefühle sich wandeln und wir trotzdem dieselben bleiben, ist ein richtiges Paradox. Das erfahre ich an mir selbst, habe es mir aber bisher nie so klar gemacht. Das zeigt, wie unfertig wir Menschen sind, doch das ist kein Manko, sondern unsere Chance und unsere Stärke. Woher diese Stärke kommt, ist schwer zu sagen. [...] In diesem lebensphilosophischen Sinne spendet das Buch auch in schwierigen Situationen Trost, allerdings nicht durch billiges Schönreden, sondern durch Aufdecken von bisher unterdrückten Gefühlen. Das ist der Königsweg, auf dem man zur Erkenntnis seiner selbst gelangt.

Markus Schröder (Kundenrezension) zu Ferdinand Fellmann: Lebensgefühle: Wie es ist, ein Mensch zu sein. Meiner, Blaue Reihe, 2018

Der Lebensphilosoph

Ich bin Lebensphilosoph. Philosophieren war mein Beruf, ist aber auch mein Leben. Ich verstehe Philosophie als permanentes Bemühen, die Wirklichkeiten, in denen wir leben, aufzudecken. Dies erfordert genaue Beobachtung des Menschen sowie Klärung der Schlüsselbegriffe unserer Lebenswelt. Dabei bemühe ich mich, die Denkformen der Klassiker an gegenwärtige Fragestellungen anzuschließen und so die Kluft zwischen Metaphysik und Fachwissenschaften zu schließen.
Ferdinand Fellmann, em. Professor für Philosophie (auf seiner Homepage)

Eine effiziente Geduld

“Wir sollten hier Geduld als eine weitere Dimension im Umgang mit der Zeit einführen, als ein Sowohl-als-auch zu oder zwischen Chronos und Kairos, Äon oder Epoché, ein Keines-von-alledem oder als ein Ganz-etwas-anderes. Geduld ist hier verstanden als Langmut, der Fähigkeit zu warten, zu beobachten und sich rückzuversichern, als eine Tugend und eine Fähigkeit, nicht als Trägheit oder gar als Laster. Geduld könnte man hier definieren als: Nütze Chronos, um Kairos immer wieder willkommen heißen zu können.”
Aus: Systemische Notizen, 2013, Iris Seidler