Archiv der Kategorie ‘Alles und jedes‘

 
 

du brauchst einen Baum

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

Die Dichotomie der Zeit

Da ist Fabio. Er trägt die Gedanken über die Zeit in die Welt hinaus. Er schreibt dazu: “Du kannst weder die Vergangenheit noch die Zukunft kontrollieren. Es gibt nur die Gegenwart. Nur in diesem Moment kannst du sein, wirken, erschaffen. Nicht gestern oder heute, sondern genau jetzt.”
Und zu Amor fati von Nietzsche: “Die Vergangenheit ist unveränderlich und die Zukunft unvorhersehbar. Dessen sind wir uns eigentlich bewusst. Und trotzdem verbringen wir unsere Zeit damit, das Geschehene drehen und wenden zu wollen und das künftige Geschehen zu prophezeien und auszumalen.”
Ohne viel dazu zu sagen, trägt Fabio die Tatsachen zu Chronos und Kairos in die Welt hinaus. Siehe: denkbrocken.com

Die Suche nach den Leerstellen der Kunst

Kairos ist der griechische Gott für den richtigen Moment einer Entscheidung. Die europäische Kunstgeschichte besteht aus unzähligen Entscheidungen, die zusammen bestimmen, welche Kunstwerke wir sehen – und welche nicht. Die Ausstellung „KAIROS. Der richtige Moment“ wirft einen Blick auf das Ungesehene in der Kunst, vergessene Werke und solche, die nie entstanden sind. Dazu vereint die Ausstellung Arbeiten des italienischen Fotografen Mauro Fiorese und des deutschen Malers Wolfgang Beltracchi.
Mauro Fiorese besuchte für seine Serie „Treasure Rooms“ die Depots bedeutender europäischer Museen. Die dort verborgenen Schätze nehmen keinen exponierten Platz in der Kunstgeschichte ein. Ihr Moment, um gezeigt, besprochen und verehrt zu werden, scheint verstrichen. In Fioreses Fotografien kehren sie nun in die Ausstellung zurück. – Für „KAIROS. Der richtige Moment“ malte Wolfgang Beltracchi bedeutende historische Ereignisse, die uns aus heutiger Sicht in der Kunstgeschichte fehlen. Ihr Moment, um von einem großen Maler der vergangenen 2.000 Jahre festgehalten zu werden, ist verstrichen. In Beltracchis Gemälden sind diese Motive nun in den Handschriften der Meister ihrer Zeit entstanden.
Kunstforum Wien | kairos-exhibition.art

Traktat über das Menschsein

… dass unser Dasein von Gefühlen bestimmt wird, ist nichts Neues. Aber dass Lebensgefühle sich wandeln und wir trotzdem dieselben bleiben, ist ein richtiges Paradox. Das erfahre ich an mir selbst, habe es mir aber bisher nie so klar gemacht. Das zeigt, wie unfertig wir Menschen sind, doch das ist kein Manko, sondern unsere Chance und unsere Stärke. Woher diese Stärke kommt, ist schwer zu sagen. [...] In diesem lebensphilosophischen Sinne spendet das Buch auch in schwierigen Situationen Trost, allerdings nicht durch billiges Schönreden, sondern durch Aufdecken von bisher unterdrückten Gefühlen. Das ist der Königsweg, auf dem man zur Erkenntnis seiner selbst gelangt.

Markus Schröder (Kundenrezension) zu Ferdinand Fellmann: Lebensgefühle: Wie es ist, ein Mensch zu sein. Meiner, Blaue Reihe, 2018

Der Lebensphilosoph

Ich bin Lebensphilosoph. Philosophieren war mein Beruf, ist aber auch mein Leben. Ich verstehe Philosophie als permanentes Bemühen, die Wirklichkeiten, in denen wir leben, aufzudecken. Dies erfordert genaue Beobachtung des Menschen sowie Klärung der Schlüsselbegriffe unserer Lebenswelt. Dabei bemühe ich mich, die Denkformen der Klassiker an gegenwärtige Fragestellungen anzuschließen und so die Kluft zwischen Metaphysik und Fachwissenschaften zu schließen.
Ferdinand Fellmann, em. Professor für Philosophie (auf seiner Homepage)

Unnützer Esser

Ja, schade, dass das, was hinter mir liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen Jahren begriffen habe, ist, dass die Weisheit hinter mir hergeht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt  mit am Tisch als unnützer Esser.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. S. 453

Mit Blockchains das System sprengen

Blockchains sprengen die zentralistisch organisierten Strukturen. Wenn alle Regeln, mit denen das Netzwerk arbeitet, offengelegt sind und jede Transaktion durch eine Vielzahl von Akteuren verifiziert wird, entsteht maximale Transparenz. Es geht also um ein dezentrales Netzwerk. Bei Blockchains wird die Information in Blöcken abgelegt (z.B. eine Finanztransaktion). Jeder neue Block ist mit dem vorhergehenden verbunden und enthält die gesamte Transaktionshistorie. So kann eine Information jederzeit nachvollzogen werden. Tiefer geschaut geht es um ökonomische Anreizmechanismen. D.h. Leute werden dafür bezahlt, etwas richtig zu machen. Das ist eine Umkehr dessen, wie unsere Gesellschaft funktioniert: Wir bestrafen Leute, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Aufbruch zum Web 3.0!

die sterne lügen nicht

lieber freund amadeus!

wenn die sterne lügen, das können sie aber nicht – oder? dann steuern wir
dem absoluten SEIN zu. alles, aber wirklich alles gerät aus den fugen.
in einem solchen chaos überlebt nur der liebende. was ist aber das, was
liebe heißt? – etwas von allem: sich nicht gehen lassen, sich beherrschen,
konzentriert auf das sein, was um sich herum passiert. auch mal selbstlos
für die anderen da sein. und warten können. nicht gleich handeln. ins
konzert der lauten töne gleich einstimmen, nein – warten auf den
augenblick, auf den wesentlichen.
wie erkennt man diesen? ich sage, wenn er da ist, dann weiß man es. er ist
aber dann da, wenn man vorher nicht so wild drauf war, sondern geduldig,
mit viel empathie und auch gleichzeitig mit distanz sich eingelassen hat
auf die gegebenheiten, wie sie jetzt hier und da sich anbieten.
arthur schnitzler soll einmal das so ausgedrückt haben:

Bereit sein ist viel; warten können ist mehr. Doch erst den rechten
Augenblick nutzen, das ist alles.

somit lass ich dich jetzt, lieber freund. nütze die zeit, sei bereit.
k.e.