Jahresarchiv für 2020

 
 

Die Dichotomie der Zeit

Da ist Fabio. Er trägt die Gedanken über die Zeit in die Welt hinaus. Er schreibt dazu: “Du kannst weder die Vergangenheit noch die Zukunft kontrollieren. Es gibt nur die Gegenwart. Nur in diesem Moment kannst du sein, wirken, erschaffen. Nicht gestern oder heute, sondern genau jetzt.”
Und zu Amor fati von Nietzsche: “Die Vergangenheit ist unveränderlich und die Zukunft unvorhersehbar. Dessen sind wir uns eigentlich bewusst. Und trotzdem verbringen wir unsere Zeit damit, das Geschehene drehen und wenden zu wollen und das künftige Geschehen zu prophezeien und auszumalen.”
Ohne viel dazu zu sagen, trägt Fabio die Tatsachen zu Chronos und Kairos in die Welt hinaus. Siehe: denkbrocken.com

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(Paul Celan)

Bachmann an Celan: Dieses Gedicht sei sein schönstes, „die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist“.

Es gibt Zeiten der Zeit

Es gibt mehr als eine Zeit. Es gibt Zeiten der Zeit. Es gibt eine physikalische messbare Zeit und eine subjektive Zeit. Im Rahmen dieser subjektiven Zeit gibt es eine gelebte, erlebte und erzählte Zeit.

Gelebte Zeit meint: Wir sind auf einer grundlegenden biologischen Ebene ein einen Bogen der Zeit eingefügt: Unser Leben verwirklicht sich in Vorgängen der Entwicklung und des Alterns, im Werden und Vergehen. Unsere Biologie bzw. Physiologie ist durch zeitliche Rhythmen bestimmt. [...] Die Periodenlängen dieser Rhythmen reichen von Millisekunden bis zu Jahren. Diese Rhythmen regulieren unsere Zellteilungen, unsere Atmung, unseren Herzschlag, unser Schlafen und Wachen, …
Erlebte Zeit meint: Unsere erlebte Zeit verläuft nicht in gleichmäßigen getaktetem Vorwärtsschreiten. Im Erleben dehnt und verlangsamt sich Zeit oder stürmt vorwärts. Erlebte Zeit vermag – im Guten wie im Schlechten – stillzustehen: in der Konfrontation mit einem traumatischen Ereignis, in der wir gleichsam einfrieren oder versteinern, aber auch in jenen glücklichen Momenten, in denen wir ewig verweilen möchten.
Erzählte Zeit meint: Sie verwirklicht sich als relativ willkürliche, individuelle wie soziale Verknüpfung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Erzählte Zeit bindet Ereignisse in eine Reihenfolge, in Ursache und Wirkung, in einen Sinnbogen.

K. P. Grossmann, Systemische Notizen, 2013

Das Argument von Epiktet

Eines der entscheidenden Argumente von Epiktet lautet, dass die Menschen einen sonderbaren Hang haben, sich genau über Dinge Sorgen zu machen, die sie nicht kontrollieren können, und ihre Energie ausgerechnet darauf zu verschwenden. Stattdessen sollten wir, so der Stoiker, besonders auf jene Parameter in unserer Lebensplanung achten, die wir zu kontrollieren und zu beeinflussen vermögen.

Massimo Pigliucci: Wie Weisheit der Stoiker, Piper

Ich trinke meine Augenblicke

Ich weiß nur

Du fragst mich
was ich will
Ich weiß es nicht

Ich weiß nur
dass ich träume
dass der Traum mich lebt
und ich in seiner
Wolke schwebe

Ich weiß nur dass ich
Menschen liebe
Berge Gärten das Meer
weiß nur daß viele Tote
in mir wohnen

Ich trinke meine
Augenblicke
weiß nur
es ist das Zeitspiel
Aufundab

Rose Ausländer