Archiv der Kategorie ‘Der Augenblick‘

 
 

Die Poesie und die Zeit

Poesie hat mit der Erfahrung von Zeit zu tun. Vielleicht könnte man sagen: Sie ist eine Art, die Gegenwart ganz Gegenwart sein zu lassen. Ein Mittel, die Zeit anzuhalten. Während des Lesens, des Betrachtens der Bilder oder des Hörens von Musik lässt man die Vergangenheit ruhen, nicht im Sinne des Vergessens, sondern des anstrengungslosen Loslassens, und man lässt sich von keinen angestrengten Erwartungen an die Zukunft die Gegenwart verstellen und verwischen.  Die poetische Gegenwart ist wie herausgehoben aus dem Fluss und der drängenden Abfolge des zeitlichen Geschehens. Das hat etwas mit den leuchtenden Mosaiksteinen in deiner entlegenen Kapelle zu tun. Poesie erlaubt einem, ganz bei einer Sache zu sein. Etwas Poetisches, ein Satz, ein Bild, ein Klang: Es fesselt einen wie nichts sonst. Man möchte, dass es nicht aufhört oder verschwindet, man möchte immer mehr davon.

Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte, 2020

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(Paul Celan)

Bachmann an Celan: Dieses Gedicht sei sein schönstes, „die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist“.

Es gibt Zeiten der Zeit

Es gibt mehr als eine Zeit. Es gibt Zeiten der Zeit. Es gibt eine physikalische messbare Zeit und eine subjektive Zeit. Im Rahmen dieser subjektiven Zeit gibt es eine gelebte, erlebte und erzählte Zeit.

Gelebte Zeit meint: Wir sind auf einer grundlegenden biologischen Ebene ein einen Bogen der Zeit eingefügt: Unser Leben verwirklicht sich in Vorgängen der Entwicklung und des Alterns, im Werden und Vergehen. Unsere Biologie bzw. Physiologie ist durch zeitliche Rhythmen bestimmt. [...] Die Periodenlängen dieser Rhythmen reichen von Millisekunden bis zu Jahren. Diese Rhythmen regulieren unsere Zellteilungen, unsere Atmung, unseren Herzschlag, unser Schlafen und Wachen, …
Erlebte Zeit meint: Unsere erlebte Zeit verläuft nicht in gleichmäßigen getaktetem Vorwärtsschreiten. Im Erleben dehnt und verlangsamt sich Zeit oder stürmt vorwärts. Erlebte Zeit vermag – im Guten wie im Schlechten – stillzustehen: in der Konfrontation mit einem traumatischen Ereignis, in der wir gleichsam einfrieren oder versteinern, aber auch in jenen glücklichen Momenten, in denen wir ewig verweilen möchten.
Erzählte Zeit meint: Sie verwirklicht sich als relativ willkürliche, individuelle wie soziale Verknüpfung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Erzählte Zeit bindet Ereignisse in eine Reihenfolge, in Ursache und Wirkung, in einen Sinnbogen.

K. P. Grossmann, Systemische Notizen, 2013

Das Argument von Epiktet

Eines der entscheidenden Argumente von Epiktet lautet, dass die Menschen einen sonderbaren Hang haben, sich genau über Dinge Sorgen zu machen, die sie nicht kontrollieren können, und ihre Energie ausgerechnet darauf zu verschwenden. Stattdessen sollten wir, so der Stoiker, besonders auf jene Parameter in unserer Lebensplanung achten, die wir zu kontrollieren und zu beeinflussen vermögen.

Massimo Pigliucci: Wie Weisheit der Stoiker, Piper

Ich trinke meine Augenblicke

Ich weiß nur

Du fragst mich
was ich will
Ich weiß es nicht

Ich weiß nur
dass ich träume
dass der Traum mich lebt
und ich in seiner
Wolke schwebe

Ich weiß nur dass ich
Menschen liebe
Berge Gärten das Meer
weiß nur daß viele Tote
in mir wohnen

Ich trinke meine
Augenblicke
weiß nur
es ist das Zeitspiel
Aufundab

Rose Ausländer

Eine effiziente Geduld

“Wir sollten hier Geduld als eine weitere Dimension im Umgang mit der Zeit einführen, als ein Sowohl-als-auch zu oder zwischen Chronos und Kairos, Äon oder Epoché, ein Keines-von-alledem oder als ein Ganz-etwas-anderes. Geduld ist hier verstanden als Langmut, der Fähigkeit zu warten, zu beobachten und sich rückzuversichern, als eine Tugend und eine Fähigkeit, nicht als Trägheit oder gar als Laster. Geduld könnte man hier definieren als: Nütze Chronos, um Kairos immer wieder willkommen heißen zu können.”
Aus: Systemische Notizen, 2013, Iris Seidler

Zeiterfahrung Beschleunigung

Ein Resultat der stetig wachsenden Beschleunigung, die faktisch auch in modernen gesellschaftlichen Prozessen unaufhaltsam stattfindet, ist allerdings das Problem der Orientierung. Wie kann man sich z.B. orientieren, wenn alle „Haltegriffe“ ihre Funktion zu verlieren scheinen, wenn einem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Kann da noch der traditionelle Begriff der Vernunft ein sicherer Leitfaden für unsere Lebensführung sein, die sich auf über-empirische Prinzipien beruft?
In der Moderne entwickelt sich daher eine Philosophie für die nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Maßstab der Orientierung ist, die sich im Kontext ihres Denkens auf die Odyssee in die Zukunft begibt, die in einem bestimmten Sinne „heimatlos“ geworden ist. So schreibt etwa der Pragmatiker Herbert Mead: „Wir wissen, dass wir auf dem Weg sind, nicht jedoch, wohin wir gehen “.Was aber ist, wenn wir dabei nicht nur gehen, sondern nunmehr laufen und rasen? Wenn das Leben nur noch im Sauseschritt stattfimdet?

*denkstachel

Sprechgitter

Sprachgitter

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.

Paul Celan