Archiv der Kategorie ‘Der Augenblick‘

 
 

Monika Helfer

Das Begräbnis der Monika Helfer

wochen der dürre · das laub hängen gelassen
die nadeln schlaff an ihren stockwerken
liegst du nach dem sturz in der kirche
in einem bett aus fichte
nachhallend heisst es
dass du der welt schönheit gebracht
und alltäglichem bestand verliehen hast
obschon der autor zu lebzeiten als gestorben gilt
und sein uneigentliches schreiben jedem
offen bleibt · auch im widerspruch

die sonne hielt sich an diesem vormittag im august
am wald zurück · die kalkklippe des rheintals
nun für immer über dir mit den korallen
schnecken und schwämmen
eines alten meeres : das licht
wird sie dir manchesmal hervorheben
ihre schratten abends brandrot · die gischt
langgezogener wellen die nirgends ausrauschen

dieses grosse gesicht der stunde über dem gras
umstehen alle die dich gekannt haben
die steingräber des friedhofs
in einem schweigen
das dermassen vollkommen ist
dass sich keiner mehr selbst vernimmt
und endlich das eigentliche sprechen beginnt
mit dem schlag wasser · dem darlegen
einer wiesenblume
oder mit meiner hand auf deinem sarg
als hätte ich dich zum ersten mal wirklich berührt

Raoul Schrott

(aus dem Album – Der Standard)

Wie soll ich mich nennen?

Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.

Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.

Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm . . .
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?

Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.

Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein . . .
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.

Ingeborg Bachmann (geb. 25. Juni 1926)

Es ist Krieg, aber dem Frühling ist es egal

Es ist Krieg, aber dem Frühling ist es egal.

Es wird immer Frühling. ­ Immer. Mit Krokussen, die dort wachsen, wo es ihnen gefällt, eigenwillig absichtslos. Mit Gesichtern, die bei 12 Grad mit dem Auftauen beginnen, denen die Wintermonatsmaske wegschmilzt, ausgeliefert, kurzzeitig sorglos.

Der Frühling ist zurück und der Zustand der Welt ist ihm egal, selbst der Krieg kümmert ihn nicht, Frühling wird immer, schön und rücksichtslos.

Der Frühling ist so verlässlich schön, dass es weh tut, seine Luft ist so süß, dass es schmerzt. Wie kann er nur?

Jemand stirbt im Frühling, jemand schreit im Frühling, dann sagt trotzdem jemand im Frühling: „aber die Sonne tut echt gut“, und das ist wahr. Die Tage werden wieder länger, ob du sie nun fürchtest oder nicht. Der Frühling hat kein Gewissen. Ein Mensch hingegen hat ein schlechtes, und er muss das ertragen, heute, gestern, neulich, erneut.

Copyright taz.de

Salzwasser

wenn sich zwei schiffe im wasser, wenn sich zwei fische im wasser, wenn sich zwei begegnen, die immer schon da waren, sich nähern, stören sie den strom.

ich aus dem bauch heraus, aus dem kopf, ins wasser. aus dem wasser, durchs wasser, am wasser entlang. durch den sand. ich getarnt als du. ich vervielfacht zu wir. du eigentlich ich. du welt. du, ach. du gesellschaft, oh! du ans meer, du vom meer weg, du von mir weg. zu mir hin, du und ich, eins.

im schwimmen nimmt der körper im regelfall keine bis kaum flüssigkeit auf, unabhängig davon wie trocken er ist. ich kraule in arbeit, du schmetterlingst in geld.

Greta Maria Pichler: Salzwasser, 2024

In the Highlands

Die Begrüßung immer, jedes Mal, ausnahmslos eingeleitet von einem Lächeln, das sich nicht nur über Helmuts Gesicht zog, sondern, ich hatte den Eindruck, den ganzen Mann erfasste: spürbare Freude und Freundlichkeit, Wohlwollen und Menschenliebe, eine weltumspannende Menschenliebe geradezu.
…
Wir hörten Bob Dylan.
…
Ich gehe durch die sonnenbeschienene Stadt, Dylans Highlands im Ohr und Helmut, der diesen Song besonders liebte, im Kopf. “Well my heart’s in the Highlands. I’m gonna go there when I feel good enough to go.”

Aus: Nachruf auf Helmut Gollner in Literatur und Kritik, Mai 2024, von Karin Peschka

Keinen Augenblick verstreichen lassen

Das idealistische Vorhaben, sich «die ganze Zeit» zu eigen zu machen und keinen Augenblick ungenutzt verstreichen zu lassen, relativiert Seneca aber sofort wieder – er selbst sei im Umgang mit der Zeit nicht perfekt. Seneca möchte nicht anklagen, sondern aufmerksam machen, dass es sich selbst dann noch lohne, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen, wenn nicht mehr viel am Boden des Fasses übrig sei. (Vgl. EM, 6) Je früher, desto besser. Das wird bei der Lektüre offensichtlich. Aber auch wenn einem nicht mehr viel Zeit bleibt – und man weiss ja schliesslich nie wirklich, wie viel einem wirklich noch bleibt – ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um damit zu beginnen.

Aus: Denkbrocken:  Zeit besitzen oder verlieren

Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ — „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka (Aus dem Nachlass). Todestag 3. Juni 1924

Verluste

Verluste der ukrainischen Streitkräfte

Die Verlustzahlen unserer Armee werden geheim gehalten
Bis zum Ende des Krieges wird es keine Zahlen geben.

Es wird jener Nachbar sein,
dessen merkwürdige Frau rote Blumen setzte
Der Freund, der ohne Vorwarnung ging
Der Unidozent, den wir alle so gern hatten
Das junge Mädchen, das alle nur nervte
Der Künstler, den alle mochten
und der jenes Mädchen scheinbar verehrte.

Im Namen der Staatssicherheit
schwöre ich, dass ich die Gefallenen nicht zählen werde
Ich werde sie bis ich nicht mehr kann zählen
und bis zum Ende des Krieges

In Wahrheit zählte ich zuerst, verzählte mich aber.

Wiktorija Amelina