Jahresarchiv für 2021

 
 

du brauchst einen Baum

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

Die Poesie und die Zeit

Poesie hat mit der Erfahrung von Zeit zu tun. Vielleicht könnte man sagen: Sie ist eine Art, die Gegenwart ganz Gegenwart sein zu lassen. Ein Mittel, die Zeit anzuhalten. Während des Lesens, des Betrachtens der Bilder oder des Hörens von Musik lässt man die Vergangenheit ruhen, nicht im Sinne des Vergessens, sondern des anstrengungslosen Loslassens, und man lässt sich von keinen angestrengten Erwartungen an die Zukunft die Gegenwart verstellen und verwischen.  Die poetische Gegenwart ist wie herausgehoben aus dem Fluss und der drängenden Abfolge des zeitlichen Geschehens. Das hat etwas mit den leuchtenden Mosaiksteinen in deiner entlegenen Kapelle zu tun. Poesie erlaubt einem, ganz bei einer Sache zu sein. Etwas Poetisches, ein Satz, ein Bild, ein Klang: Es fesselt einen wie nichts sonst. Man möchte, dass es nicht aufhört oder verschwindet, man möchte immer mehr davon.

Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte, 2020