Jahresarchiv für 2026

 
 

Monika Helfer

Das Begräbnis der Monika Helfer

wochen der dürre · das laub hängen gelassen
die nadeln schlaff an ihren stockwerken
liegst du nach dem sturz in der kirche
in einem bett aus fichte
nachhallend heisst es
dass du der welt schönheit gebracht
und alltäglichem bestand verliehen hast
obschon der autor zu lebzeiten als gestorben gilt
und sein uneigentliches schreiben jedem
offen bleibt · auch im widerspruch

die sonne hielt sich an diesem vormittag im august
am wald zurück · die kalkklippe des rheintals
nun für immer über dir mit den korallen
schnecken und schwämmen
eines alten meeres : das licht
wird sie dir manchesmal hervorheben
ihre schratten abends brandrot · die gischt
langgezogener wellen die nirgends ausrauschen

dieses grosse gesicht der stunde über dem gras
umstehen alle die dich gekannt haben
die steingräber des friedhofs
in einem schweigen
das dermassen vollkommen ist
dass sich keiner mehr selbst vernimmt
und endlich das eigentliche sprechen beginnt
mit dem schlag wasser · dem darlegen
einer wiesenblume
oder mit meiner hand auf deinem sarg
als hätte ich dich zum ersten mal wirklich berührt

Raoul Schrott

(aus dem Album – Der Standard)

Wie soll ich mich nennen?

Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.

Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.

Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm . . .
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?

Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.

Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein . . .
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.

Ingeborg Bachmann (geb. 25. Juni 1926)

Es ist Krieg, aber dem Frühling ist es egal

Es ist Krieg, aber dem Frühling ist es egal.

Es wird immer Frühling. ­ Immer. Mit Krokussen, die dort wachsen, wo es ihnen gefällt, eigenwillig absichtslos. Mit Gesichtern, die bei 12 Grad mit dem Auftauen beginnen, denen die Wintermonatsmaske wegschmilzt, ausgeliefert, kurzzeitig sorglos.

Der Frühling ist zurück und der Zustand der Welt ist ihm egal, selbst der Krieg kümmert ihn nicht, Frühling wird immer, schön und rücksichtslos.

Der Frühling ist so verlässlich schön, dass es weh tut, seine Luft ist so süß, dass es schmerzt. Wie kann er nur?

Jemand stirbt im Frühling, jemand schreit im Frühling, dann sagt trotzdem jemand im Frühling: „aber die Sonne tut echt gut“, und das ist wahr. Die Tage werden wieder länger, ob du sie nun fürchtest oder nicht. Der Frühling hat kein Gewissen. Ein Mensch hingegen hat ein schlechtes, und er muss das ertragen, heute, gestern, neulich, erneut.

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