Archiv der Kategorie ‘Alles und jedes‘

 
 

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen -
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

(Joseph von Eichendorff)

Sei ohne Sorge

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

1956
aus: Ingeborg Bachmann: Werke Bd. 1, hrsg. von Christine Koschel u.a., PiperVerlag, München 1978

Eine Aufgabe

Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigte, äussere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, – als: das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.

Viktor Frankl

Herbst

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

Eskalation?

In den sozialen Medien ist jeder Sinn für das Zuhören, Nachdenken, Argumentieren verlorengegangen. Es werde alles niedergebrüllt, was nicht der eigenen Meinung entspreche.  (Franzobel, Mai 2022)
Ermöglicht wird das durch die Technik. Das offene Internet ermöglicht vielen Menschen zu “brüllen”. Vor dieser Internetzeit gab es auch solche Vertreter des Menschengeschlechts. Aber sie konnten sich nur in kleinen und abgeschirmten Bereichen äußern; zum Beispiel am Wirtshaustisch …

Das Top-down Verhalten

Das, was man den Staat nennt, hat aus meiner Sicht zu sehr die Führung übernommen. Und so setzen Bürgerinnen und Bürger zu sehr darauf, dass die Pandemie auf einer staatlichen Verwaltungsebene gelöst wird. Die Haltung, die wir benötigen, besitzt die Grundstruktur der Aufklärung. Und dazu gehört der Werterahmen Freiheit, Gleichheit, Solidarität.
Markus Gabriel, in: Philosophie Magazin, Dezember 2021

du brauchst einen Baum

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

Die Dichotomie der Zeit

Da ist Fabio. Er trägt die Gedanken über die Zeit in die Welt hinaus. Er schreibt dazu: “Du kannst weder die Vergangenheit noch die Zukunft kontrollieren. Es gibt nur die Gegenwart. Nur in diesem Moment kannst du sein, wirken, erschaffen. Nicht gestern oder heute, sondern genau jetzt.”
Und zu Amor fati von Nietzsche: “Die Vergangenheit ist unveränderlich und die Zukunft unvorhersehbar. Dessen sind wir uns eigentlich bewusst. Und trotzdem verbringen wir unsere Zeit damit, das Geschehene drehen und wenden zu wollen und das künftige Geschehen zu prophezeien und auszumalen.”
Ohne viel dazu zu sagen, trägt Fabio die Tatsachen zu Chronos und Kairos in die Welt hinaus. Siehe: denkbrocken.com