Philosophinnen

Von Ruth Hagengruber herausgegeben (1998) ist “Klassische philosophische Texte von Frauen”. Wunderbar dass es das gibt. – Zitat aus einer Rezension: Die Texte sind Schmuckstücke literarischer Eleganz und ein ebenbürtiges Pendant zu den männlichen Texten, deren Autoren bekannt und in jedem Band zu finden sind. Hier sind es die Philosophinnen, die große Beachtung verdient haben und es wert sind, gelesen zu werden.

Die heilsame Kraft des Philosophierens

Was ist das Wesentliche des Philosophierens?
“Wer jung ist”, schreibt Epikur, “soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern”. Wahrhaft zu philosophieren bedeutete das Führen eines offenen Gesprächs …
Die vielen Aspekte des philosophischen Tuns haben auch mit dem “kairos” zu tun. Ich kann die offenen Gespräche mit mir selber führen, im stillen Kämmerlein, – oder draußen am Marktplatz. Das da draußen ist mühsamer.
Deshalb dazu das Zen-Meister Beispiel:
Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich.” Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst du darüber hinaus, fragten sie erneut. Der Meister erwiderte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich …”. Wieder sagten seine Schüler: “Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: “Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”
Sicher wird es dem Zen-Meister selbst öfters so ergehen, wie er es von den Schülern sagt. Aber die meisterliche Idee ist es, ganz “im Augenblick” zu sein, damit sich die Tür zur Gegenwart auftun kann. Es soll diese Spannung zwischen Leben im Augenblick und Leben der täglichen Aufgaben durchdacht werden.

Augenblick, verweile – schöpferische Dauer

Deshalb wird dieser Dauer-Augenblick auch schöpferisch. Er bringt Neues und Unvorhersehbares hervor. Oft fällt es uns schwer, dies zu verstehen. Wenn mann vom Unbeweglichen ausgeht, kann man sich nichts anderes als eine Mischung aus im Voraus existierenden Elementen vorstellen. “Das musste so kommen”, rufen wir, während im Moment des Ereignisses alles Mögliche hätte eintreten können. Diese Neigung bewirkt “unseren Anspruch, bei jeder Gelegenheit die Zukunft zu antizipieren” (”Denken und schöpferisches Werden”) – die Manie, ausgehend von der Art, wie sich die Vergangenheit aktualisiert hat, vorherzusehen und zu planen. Wenn man aber den gegenwärtigen Augenblick genießt, heißt das, ihn nicht zu begrenzen, sondern sich für die Dauer zu öffnen, für ein Ereignis, das im eigentlichen Sinne neu ist.
Michel Eltchaninoff, in: Philosophie Magazin, 05/2016, S. 57

Sokratische Einsicht

Das Angebot, das die Philosophie den Menschen zu machen hat, besteht darin, sie zu ermächtigen und ihnen ein bewusstes, informiertes und wohlüberlegtes Stellungnehmen zu ermöglichen. Das aber bedeutet, sie von der Zwangsjacke mitgebrachter und häufig unreflektierter Vorentscheidungen, von den mentalen Zufluchtsstätten der Ideologie und des Hypermoralismus, zu befreien. Die Menschen sollen, wie Hampe auch sagt, «reagieren» können; und dieses Reagieren, dieses Stellungnehmen ist recht verstanden selbst schon ein Agieren. Es setzt die eigene Initiative voraus, es verlangt den Mut und die Kraft, unbedachte Gewohnheiten zu überprüfen und sich der wiederum sokratischen Einsicht zu stellen, dass eine allgemeine Lehre, eine Lehre für jedermann und für alle Fälle, nicht verfügbar ist. Der Negativismus der Sokratik ist eine Desillusionierung, die Desillusionierung eine Befreiung. Sie erst verschafft uns die Möglichkeit, sagt Hampe, uns zu freien Gestaltern unseres eigenen Lebens zu entwickeln.

Ralf Konersmann zu Michael Hampes “Die Lehren der Philosphie” in der NZZ am 30. 4. 2014

Was ist die Zeit?

Die Frage, was die Zeit ist, kann von der Philosophie – trotz eines  Jahrtausende alten subtilen Nachdenkens – nicht (zumindest nicht einheitlich) beantwortet werden.

Das steht in: Gemessene Zeit – gefühlte Zeit: Tendenzen der Beschleunigung, Verlangsamung und subjektiven Zeitempfindens
Herausgegeben von Hartmut Heller, 2006


Carpe diem

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. ut melius, quidquid erit, pati.
seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi
spem longam reseces. dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem quam minimum credula postero.

Horaz: Carpe diem
Hor.c.1,11: An Leuconoe
Quintus Horatius Flaccus geb. 65 v. Chr.
In vielen Gedichten vertrat Horaz die Lehren des Epikureismus.
Übersetzung: Karl Lahmer, Salzburg

Frage nicht, Leuconoe, den Zeitpunkt des Endes, den die Götter für mich, für dich vorgesehen haben, wissen zu wollen, ist Unrecht.
Versuche es auch nicht bei Astrologen und sonstigen Kartenlegern. Besser ist es doch hinzunehmen, was kommt! Ob dir Jupiter noch mehrere Winter an Lebenszeit zuteilt oder diesen als letzten (…)
Benütze deinen Verstand: Kläre den Wein und beschränke weit reichende Visionen auf ein überschaubares Maß. Während wir sprechen, ist die neidische Zeit schon wieder ein Stück weiter. Nütze diesen Tag und vertraue dem folgenden möglichst wenig.

Wie in einem endlosen Augenblick

Sie leben beinahe Ihr ganzes Leben schon in einem Zettelgehäuse, [...], den Sie sich selbst gebaut und nur selten verlassen haben. War das Leben im Zettelgehäuse ein Versuch, das Leben anzuhalten wie in einem endlosen Augenblick?

Ein endloser Augenblick, das stimmt. Das ist die Beschreibung meines Lebens. Ein endloser Augenblick.

Friederike Mayröcker, in: Iris Radisch: Die letzten Dinge, S. 120

Was es heißt, ein Mensch zu sein

Das Leben besteht zum größten Teil aus Zufällen. Wenn wir ihnen begegnen, ist unsere Fähigkeit gefragt, in der entstandenen Situation bewusste Entscheidungen zu treffen.
[...] Die Möglichkeit, sich entscheiden zu können, was man aus seinem Leben machen will, ist ein großes Privileg. Für die allermeisten Menschen auf der Erde geht es nur darum zu überleben, und das auf einem dramatisch niedrigen Niveau.

Henning Mankell, Treibsand, S. 130