Zeiterfahrung der Beschleunigung

Ein Resultat der stetig wachsenden Beschleunigung, die faktisch auch in modernen gesellschaftlichen Prozessen unaufhaltsam stattfindet, ist allerdings das Problem der Orientierung. Wie kann man sich z.B. orientieren, wenn alle „Haltegriffe“ ihre Funktion zu verlieren scheinen, wenn einem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Kann da noch der traditionelle Begriff der Vernunft ein sicherer Leitfaden für unsere Lebensführung sein, die sich auf über-empirische Prinzipien beruft?
In der Moderne entwickelt sich daher eine Philosophie für die nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Maßstab der Orientierung ist, die sich im Kontext ihres Denkens auf die Odyssee in die Zukunft begibt, die in einem bestimmten Sinne „heimatlos“ geworden ist. So schreibt etwa der Pragmatiker Herbert Mead: „Wir wissen, dass wir auf dem Weg sind, nicht jedoch, wohin wir gehen “.Was aber ist, wenn wir dabei nicht nur gehen, sondern nunmehr laufen und rasen? Wenn das Leben nur noch im Sauseschritt stattfimdet?

*denkstachel

Mit Blockchains das System sprengen

Blockchains sprengen die zentralistisch organisierten Strukturen. Wenn alle Regeln, mit denen das Netzwerk arbeitet, offengelegt sind und jede Transaktion durch eine Vielzahl von Akteuren verifiziert wird, entsteht maximale Transparenz. Es geht also um ein dezentrales Netzwerk. Bei Blockchains wird die Information in Blöcken abgelegt (z.B. eine Finanztransaktion). Jeder neue Block ist mit dem vorhergehenden verbunden und enthält die gesamte Transaktionshistorie. So kann eine Information jederzeit nachvollzogen werden. Tiefer geschaut geht es um ökonomische Anreizmechanismen. D.h. Leute werden dafür bezahlt, etwas richtig zu machen. Das ist eine Umkehr dessen, wie unsere Gesellschaft funktioniert: Wir bestrafen Leute, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Aufbruch zum Web 3.0!

die sterne lügen nicht

lieber freund amadeus!

wenn die sterne lügen, das können sie aber nicht – oder? dann steuern wir
dem absoluten SEIN zu. alles, aber wirklich alles gerät aus den fugen.
in einem solchen chaos überlebt nur der liebende. was ist aber das, was
liebe heißt? – etwas von allem: sich nicht gehen lassen, sich beherrschen,
konzentriert auf das sein, was um sich herum passiert. auch mal selbstlos
für die anderen da sein. und warten können. nicht gleich handeln. ins
konzert der lauten töne gleich einstimmen, nein – warten auf den
augenblick, auf den wesentlichen.
wie erkennt man diesen? ich sage, wenn er da ist, dann weiß man es. er ist
aber dann da, wenn man vorher nicht so wild drauf war, sondern geduldig,
mit viel empathie und auch gleichzeitig mit distanz sich eingelassen hat
auf die gegebenheiten, wie sie jetzt hier und da sich anbieten.
arthur schnitzler soll einmal das so ausgedrückt haben:

Bereit sein ist viel; warten können ist mehr. Doch erst den rechten
Augenblick nutzen, das ist alles.

somit lass ich dich jetzt, lieber freund. nütze die zeit, sei bereit.
k.e.

Sprechgitter

Sprachgitter

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.

Paul Celan

Philosophinnen

Von Ruth Hagengruber herausgegeben (1998) ist “Klassische philosophische Texte von Frauen”. Wunderbar dass es das gibt. – Zitat aus einer Rezension: Die Texte sind Schmuckstücke literarischer Eleganz und ein ebenbürtiges Pendant zu den männlichen Texten, deren Autoren bekannt und in jedem Band zu finden sind. Hier sind es die Philosophinnen, die große Beachtung verdient haben und es wert sind, gelesen zu werden.

Die heilsame Kraft des Philosophierens

Was ist das Wesentliche des Philosophierens?
“Wer jung ist”, schreibt Epikur, “soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern”. Wahrhaft zu philosophieren bedeutete das Führen eines offenen Gesprächs …
Die vielen Aspekte des philosophischen Tuns haben auch mit dem “kairos” zu tun. Ich kann die offenen Gespräche mit mir selber führen, im stillen Kämmerlein, – oder draußen am Marktplatz. Das da draußen ist mühsamer.
Deshalb dazu das Zen-Meister Beispiel:
Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich.” Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst du darüber hinaus, fragten sie erneut. Der Meister erwiderte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich …”. Wieder sagten seine Schüler: “Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: “Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”
Sicher wird es dem Zen-Meister selbst öfters so ergehen, wie er es von den Schülern sagt. Aber die meisterliche Idee ist es, ganz “im Augenblick” zu sein, damit sich die Tür zur Gegenwart auftun kann. Es soll diese Spannung zwischen Leben im Augenblick und Leben der täglichen Aufgaben durchdacht werden.

Augenblick, verweile – schöpferische Dauer

Deshalb wird dieser Dauer-Augenblick auch schöpferisch. Er bringt Neues und Unvorhersehbares hervor. Oft fällt es uns schwer, dies zu verstehen. Wenn mann vom Unbeweglichen ausgeht, kann man sich nichts anderes als eine Mischung aus im Voraus existierenden Elementen vorstellen. “Das musste so kommen”, rufen wir, während im Moment des Ereignisses alles Mögliche hätte eintreten können. Diese Neigung bewirkt “unseren Anspruch, bei jeder Gelegenheit die Zukunft zu antizipieren” (”Denken und schöpferisches Werden”) – die Manie, ausgehend von der Art, wie sich die Vergangenheit aktualisiert hat, vorherzusehen und zu planen. Wenn man aber den gegenwärtigen Augenblick genießt, heißt das, ihn nicht zu begrenzen, sondern sich für die Dauer zu öffnen, für ein Ereignis, das im eigentlichen Sinne neu ist.
Michel Eltchaninoff, in: Philosophie Magazin, 05/2016, S. 57

Sokratische Einsicht

Das Angebot, das die Philosophie den Menschen zu machen hat, besteht darin, sie zu ermächtigen und ihnen ein bewusstes, informiertes und wohlüberlegtes Stellungnehmen zu ermöglichen. Das aber bedeutet, sie von der Zwangsjacke mitgebrachter und häufig unreflektierter Vorentscheidungen, von den mentalen Zufluchtsstätten der Ideologie und des Hypermoralismus, zu befreien. Die Menschen sollen, wie Hampe auch sagt, «reagieren» können; und dieses Reagieren, dieses Stellungnehmen ist recht verstanden selbst schon ein Agieren. Es setzt die eigene Initiative voraus, es verlangt den Mut und die Kraft, unbedachte Gewohnheiten zu überprüfen und sich der wiederum sokratischen Einsicht zu stellen, dass eine allgemeine Lehre, eine Lehre für jedermann und für alle Fälle, nicht verfügbar ist. Der Negativismus der Sokratik ist eine Desillusionierung, die Desillusionierung eine Befreiung. Sie erst verschafft uns die Möglichkeit, sagt Hampe, uns zu freien Gestaltern unseres eigenen Lebens zu entwickeln.

Ralf Konersmann zu Michael Hampes “Die Lehren der Philosphie” in der NZZ am 30. 4. 2014