Eine effiziente Geduld

“Wir sollten hier Geduld als eine weitere Dimension im Umgang mit der Zeit einführen, als ein Sowohl-als-auch zu oder zwischen Chronos und Kairos, Äon oder Epoché, ein Keines-von-alledem oder als ein Ganz-etwas-anderes. Geduld ist hier verstanden als Langmut, der Fähigkeit zu warten, zu beobachten und sich rückzuversichern, als eine Tugend und eine Fähigkeit, nicht als Trägheit oder gar als Laster. Geduld könnte man hier definieren als: Nütze Chronos, um Kairos immer wieder willkommen heißen zu können.”
Aus: Systemische Notizen, 2013, Iris Seidler

Unnützer Esser

Ja, schade, dass das, was hinter mir liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen Jahren begriffen habe, ist, dass die Weisheit hinter mir hergeht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt  mit am Tisch als unnützer Esser.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. S. 453

Zeiterfahrung Beschleunigung

Ein Resultat der stetig wachsenden Beschleunigung, die faktisch auch in modernen gesellschaftlichen Prozessen unaufhaltsam stattfindet, ist allerdings das Problem der Orientierung. Wie kann man sich z.B. orientieren, wenn alle „Haltegriffe“ ihre Funktion zu verlieren scheinen, wenn einem ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Kann da noch der traditionelle Begriff der Vernunft ein sicherer Leitfaden für unsere Lebensführung sein, die sich auf über-empirische Prinzipien beruft?
In der Moderne entwickelt sich daher eine Philosophie für die nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Maßstab der Orientierung ist, die sich im Kontext ihres Denkens auf die Odyssee in die Zukunft begibt, die in einem bestimmten Sinne „heimatlos“ geworden ist. So schreibt etwa der Pragmatiker Herbert Mead: „Wir wissen, dass wir auf dem Weg sind, nicht jedoch, wohin wir gehen “.Was aber ist, wenn wir dabei nicht nur gehen, sondern nunmehr laufen und rasen? Wenn das Leben nur noch im Sauseschritt stattfimdet?

*denkstachel

Mit Blockchains das System sprengen

Blockchains sprengen die zentralistisch organisierten Strukturen. Wenn alle Regeln, mit denen das Netzwerk arbeitet, offengelegt sind und jede Transaktion durch eine Vielzahl von Akteuren verifiziert wird, entsteht maximale Transparenz. Es geht also um ein dezentrales Netzwerk. Bei Blockchains wird die Information in Blöcken abgelegt (z.B. eine Finanztransaktion). Jeder neue Block ist mit dem vorhergehenden verbunden und enthält die gesamte Transaktionshistorie. So kann eine Information jederzeit nachvollzogen werden. Tiefer geschaut geht es um ökonomische Anreizmechanismen. D.h. Leute werden dafür bezahlt, etwas richtig zu machen. Das ist eine Umkehr dessen, wie unsere Gesellschaft funktioniert: Wir bestrafen Leute, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Aufbruch zum Web 3.0!

die sterne lügen nicht

lieber freund amadeus!

wenn die sterne lügen, das können sie aber nicht – oder? dann steuern wir
dem absoluten SEIN zu. alles, aber wirklich alles gerät aus den fugen.
in einem solchen chaos überlebt nur der liebende. was ist aber das, was
liebe heißt? – etwas von allem: sich nicht gehen lassen, sich beherrschen,
konzentriert auf das sein, was um sich herum passiert. auch mal selbstlos
für die anderen da sein. und warten können. nicht gleich handeln. ins
konzert der lauten töne gleich einstimmen, nein – warten auf den
augenblick, auf den wesentlichen.
wie erkennt man diesen? ich sage, wenn er da ist, dann weiß man es. er ist
aber dann da, wenn man vorher nicht so wild drauf war, sondern geduldig,
mit viel empathie und auch gleichzeitig mit distanz sich eingelassen hat
auf die gegebenheiten, wie sie jetzt hier und da sich anbieten.
arthur schnitzler soll einmal das so ausgedrückt haben:

Bereit sein ist viel; warten können ist mehr. Doch erst den rechten
Augenblick nutzen, das ist alles.

somit lass ich dich jetzt, lieber freund. nütze die zeit, sei bereit.
k.e.

Sprechgitter

Sprachgitter

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.

Paul Celan

Philosophinnen

Von Ruth Hagengruber herausgegeben (1998) ist “Klassische philosophische Texte von Frauen”. Wunderbar dass es das gibt. – Zitat aus einer Rezension: Die Texte sind Schmuckstücke literarischer Eleganz und ein ebenbürtiges Pendant zu den männlichen Texten, deren Autoren bekannt und in jedem Band zu finden sind. Hier sind es die Philosophinnen, die große Beachtung verdient haben und es wert sind, gelesen zu werden.

Die heilsame Kraft des Philosophierens

Was ist das Wesentliche des Philosophierens?
“Wer jung ist”, schreibt Epikur, “soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern”. Wahrhaft zu philosophieren bedeutete das Führen eines offenen Gesprächs …
Die vielen Aspekte des philosophischen Tuns haben auch mit dem “kairos” zu tun. Ich kann die offenen Gespräche mit mir selber führen, im stillen Kämmerlein, – oder draußen am Marktplatz. Das da draußen ist mühsamer.
Deshalb dazu das Zen-Meister Beispiel:
Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich.” Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst du darüber hinaus, fragten sie erneut. Der Meister erwiderte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich …”. Wieder sagten seine Schüler: “Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: “Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”
Sicher wird es dem Zen-Meister selbst öfters so ergehen, wie er es von den Schülern sagt. Aber die meisterliche Idee ist es, ganz “im Augenblick” zu sein, damit sich die Tür zur Gegenwart auftun kann. Es soll diese Spannung zwischen Leben im Augenblick und Leben der täglichen Aufgaben durchdacht werden.